Es ist eine eigentümliche Pointe: Während wir immer mehr Entscheidungen an Apps, Algorithmen und künstliche Intelligenz abgeben, fahren Jahr für Jahr Hunderte Menschen nach Lech am Arlberg, um sich eine Woche lang das Gegenteil zuzumuten. Zuhören, widersprechen, nachdenken. 

Das Philosophicum Lech feiert heuer seine 29. Ausgabe – und das Thema könnte aktueller kaum sein: „Betreutes Denken. Die neue Lust an der Unmündigkeit“.

Die Frage dahinter ist alt. Kant hat sie 1784 gestellt: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Neu ist, wie bequem es heute geworden ist, diesen Mut nicht aufzubringen. Die Smartwatch weiß, wie viel wir uns bewegen sollen. Der Feed weiß, was wir denken wollen. Die KI schreibt die Mail, bevor wir uns überlegt haben, was wir eigentlich sagen möchten. Das ist nicht per se schlecht. Aber es verändert etwas – an uns und an unserer Demokratie.

Genau deshalb braucht es Orte wie Lech. Veranstaltungen dieser Art leisten etwas, das keine Plattform ersetzt: Sie bringen Menschen physisch zusammen, die sich sonst nie begegnen würden. Philosophinnen und Unternehmer, Studierende und Pensionisten, Journalisten und Politiker. Sie zwingen zum Zuhören über eine Stunde hinweg, nicht über 15 Sekunden. Und sie halten Widerspruch aus – im Saal, in der Diskussion und spätestens abends in der Philosophen-Bar.

„Eine Gesellschaft, die verlernt, strittig und dennoch respektvoll zu diskutieren, verliert ihre Fähigkeit zur Selbstkorrektur.“ 

Das Philosophicum ist ein Trainingsraum für genau diese Fähigkeit. Dass mit Maria-Sibylla Lotter heuer eine Autorin den Tractatus-Preis erhielt, die sich mit Empörungslogik und dem Verlust von Ambivalenz in unseren Debatten auseinandersetzt, passt ins Bild. Und es ist ein Vorarlberger Erfolgsmodell. 

Was 1997 aus einem Gespräch zwischen Ludwig Muxel und Michael Köhlmeier entstand, ist heute eine der renommiertesten philosophischen Tagungen im deutschsprachigen Raum. Es zeigt, was möglich ist, wenn eine Gemeinde, engagierte Persönlichkeiten und private Förderer an einem Strang ziehen – und wenn eine Tourismusregion den Mut hat, nicht nur auf Pisten und Panorama zu setzen, sondern auch auf Geist. Wirtschaft, Kultur und Region stärken einander hier auf beispielhafte Weise.