Die größte Stadt Vorarlbergs hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark gewandelt. Mit dem Zusammenbruch der Textilindustrie Ende der 80er Jahre strebte sie eine kulturelle Wende an. Welche Strategien und Leitbilder hinter diesem erfolgreichen Prozess standen und noch immer stehen, schildert Roland Jörg, Leiter der Abteilung „Kultur und Weiterbildung“ in Dornbirn.

Nach dem Zusammenbruch der Textilindustrie Ende der 80er Jahre setzte in Dornbirn ein wirtschaftlicher Wandel ein, in dessen Verlauf auch die Bereiche Bildung und Kultur neu bewertet wurden. Dabei kam ein breit angelegter Kulturbegriff zum Tragen, der sowohl bestehende Institutionen umfasste (wie unter anderen der Spielboden, die Stadtbücherei, das Stadtmuseum oder das Jazzseminar an der Musikschule) als auch zahlreiche neue Initiativen hervorbrachte. Als Beispiele nennt Roland Jörg hier das Vorarlberger Architektur Institut, den Konzertveranstalter Conrad Sohm, das naturkundliche Erlebnismuseum inatura und das FLATZ Museum. Spannend sind diese Initiativen auch in der Hinsicht, dass einige von ihnen in ehemaligen Fabriken untergrebracht sind. Vorhandenes Industrieareal wurde dadurch sinnvoll neu genutzt.

Wirtschaftsstandort mit hoher Lebensqualität

Das Kulturleitbild von 2005 basiere auf der Überlegung, den Begriff der „Entwicklungsdynamik“ nicht nur auf den kulturellen Bereich, sondern auf die gesamte Stadtplanung anzuwenden. Ein Vorbild sei Linz gewesen, also jene Stadt, die zur Jahrtausendwende einen Imagewandel anstrebte, weg vom Stahlruss der Industrie hin zu einem attraktiven und kreativen Zentrum.

In Dornbirn wurde wir das Motto Wirtschaftsstadt mit hoher Lebensqualität formuliert, und wie in Linz zählen dazu natürlich spannende kulturelle Angebote und Betätigungsfelder.

Zusammenspiele

„Wir haben 2005 großen Wert darauf gelegt, die unterschiedlichen kulturellen Segmente nicht isoliert zu betrachten, sondern zu schauen, wie es zu einem besseren Zusammenspiel der Kräfte im Kulturbereich kommen kann.“ So wurde in direkter Nachbarschaft zur inatura der Kunstraum Dornbirn mit der thematisierten Klammer „Kunst und Natur“ etabliert. Zur Strategie zählte auch, die Potentiale im Kulturbereich besser hervorzuheben und das Thema Kultur, teils durch Bürgerbeteiligungsprozesse, stärker in der Bevölkerung zu verankern.

Zehn Jahre später

Im Jahr 2015 wurde das Leitbild neuerlich überarbeitet und präsentiert. „Wir haben erkannt, dass wir uns mit dem ersten Entwurf, mit seinen strategischen Zielen auf einem guten Weg befinden, der noch ausbaufähig ist. Doch zehn Jahre später haben wir uns dafür entschieden, nicht von den bestehenden Kultureinrichtungen auszugehen, sondern den Blick auf gesellschafts- und kulturpolitische Themenkreise zu richten.“ Als kulturelles Profil wurden schließlich die „Vier A’s“ etabliert: „Alltagskultur, aus dem Alternativbereich gewachsene Kultur, Avantgarde und Architektur. Für Dornbirn bedeutet dies, dass wir uns weniger auf dem Feld der klassischen Repräsentationskultur bewegen, als vielmehr einen guten Mix jener vier Kernbereiche anstreben, um das kulturelle und urbane Profil der Stadt zu stärken.“

Durchdringung des öffentlichen Raums

Der strategische Ansatz, kulturelle und künstlerische Präsenz im öffentlichen Raum zu zeigen, wird auch mit dem für 2018 geplanten Neubau der Stadtbücherei (Architekten Dietrich-Untertrifaller) weiterverfolgt, ebenso mit der Umsetzung eines „Industriepfades“, der möglicherweise in einem Industriemuseum mündet.

„Zusammen mit unserer Stadtplanung haben wir die Durchdringung des öffentlichen Raumes mit qualitativ hochstehender Kunst und Architektur angestrebt.“ (Roland Jörg)

Selbst im Tiefbau, wie Jörg hinzufügt. Etwa bei der Brückentrilogie von marte.marte architekten oder der Sägerbrücke von Hugo Dworzak, auf der eine 13 Meter hohe Skulptur des Vorarlberger Künstlers Hubert Lampert zu sehen ist.

Leitbilder als Haltegriffe

„Natürlich können solche Leitbilder nie Patentrezepte sein. Sie sind aber wichtige Haltegriffe für den weiteren Weg, für kultur- und gesellschaftspolitische Entwicklungen und für die sozial relevanten Werte des Kulturbereichs. Es geht darum, kulturelle Zielsetzungen auf lange Sicht und nicht im Schweinsgalopp zu verfolgen. Und beharrlich dabei zu bleiben, auch dann, wenn sich einzelne Maßnahmen vielleicht nicht unmittelbar realisieren lassen.“

Ein Ausblick

Angesprochen auf die Frage, wie Dornbirn im Jahr 2025 wahrgenommen werden soll, antwortet Roland Jörg: „Unabhängig davon, ob die Rheintalstädte sich mit dem Bregenzerwald für die Kulturhauptstadt 2024 bewerben, werden die Städte und Gemeinden im viertgrößten Ballungsraum Österreichs ihr Wahrnehmungsfeld erweitern müssen. Sprich sie sollten vom Kirchturmdenken wegkommen und eine Balance zwischen dem herstellen, wie sie nach innen wirken und dem, was sie zur Vernetzung, Abstimmung und Kooperation mit ihrem Umfeld beitragen können.“ Als größte Stadt des Bundeslandes trage Dornbirn hier ein hohes Maß an Verantwortung.

„Da geht es um viele entscheidende Fragen: um jene der Mobilität, der Urbanisierung, um kreative Milieus, um Entwicklungs- und Freiräume für künstlerisches und kulturelles Schaffen. Es geht um gesellschaftspolitische Aspekte wie die Generationenfrage und die Migration. Im Kern geht es aber darum, unsere Region als gemeinsamen Lebensraum zu denken, mit einem hohen Maß an Sensibilität und Offenheit. Denn das bringt uns letztlich allen was.“